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Brillenhöhle

Die Brillenhöhle, früher Zwickerhöhle genannt, ist die Ruine einer ehemals vollständigen Horizontalhöhle im Achtal bei Weiler im Alb-Donau-Kreis, Baden-Württemberg. Sie liegt an der nördlichen Talflanke eines Weißjura-Felsmassivs, etwa 60 Meter über der Talsohle auf 600 m ü. NHN, und gilt als einer der bedeutendsten jungpaläolithischen Fundplätze der Urgeschichte Baden-Württembergs.

Prägend für die Höhle sind zwei Öffnungen in der Decke, die beim teilweisen Einsturz vor rund 30.000 Jahren entstanden. Sie gaben der Höhle ihr heutiges Aussehen und ihren Namen.

Redaktion ANTIBERGStand: 14. Oktober 2026
Brillenhöhle
Brillenhoehle Blaubeuren EingangFoto: Thilo Parg · CC BY-SA 3.0
LageAchtal bei Weiler, Alb-Donau-Kreis, Baden-Württemberg
Höhe600 m ü. NHN, ca. 60 m über Talsohle
GeologieWeißjura-Felsmassiv (Felsenlabyrinth)
TypRuine einer Horizontalhöhle
Hauptgangca. 6 m lang, bis 3,5 m hoch, 6,5 m breit
Höhlenhalle17 m lang, 16 m breit, kuppelförmig, 6 m hoch
Deckenöffnungensüdliches Fenster Ø 2,5 m; nördliches Fenster 3,4 × 2,4 m
HauptausgräberGustav Riek, Universität Tübingen, 1955–1963
KulturhorizonteAurignacien, Gravettien, Magdalénien, Neolithikum, Bronzezeit
ZugangHöhleneingang durch Gitter gesichert; Wanderweg teilweise befestigt

Topographie und Geologie

Ein leicht ansteigender Gang von rund 6 Metern Länge, bis zu 3,5 Metern Höhe und 6,5 Metern Breite führt in eine kuppelförmige Halle von 17 Metern Länge und 16 Metern Breite mit einer Deckenhöhe von 6 Metern. Die Höhle entwickelte sich im Weißjura-Felsmassiv des sogenannten Felsenlabyrinths.

In der Ostwand öffnet sich die sogenannte Bärennische, ein etwa 5 m³ großer Hohlraum, der nach Abschluss der Ausgrabungen 1963 wieder verfüllt wurde und heute kaum noch erkennbar ist. In der nordwestlichen Ecke verläuft eine kaminartige Auswaschung nach oben und endet in einer rund 17 cm breiten Deckenspalte; durch dieses Rauchloch drangen im Pleistozän größere Mengen rotbraunen Lehms in die Höhle ein.

Woher stammt der Name Brillenhöhle?

Der heutige Name leitet sich von den zwei Öffnungen in der Höhlendecke ab, die beim teilweisen Einsturz vor etwa 30.000 Jahren entstanden. Das kreisrunde südliche Fenster hat einen Durchmesser von 2,5 Metern; das annähernd ovale nördliche Fenster misst 3,4 Meter in der Länge und 2,4 Meter in der Breite.

Zusammen erinnern die beiden Öffnungen an ein Brillenglas-Paar, was der Höhle ihren heute gebräuchlichen Namen gab. Der ältere Name Zwickerhöhle bezieht sich auf dieselbe Erscheinung: Ein Zwickel oder Kneifer bezeichnet ebenfalls ein rahmengebundenes Augenglas.

Brillenhöhle
Brillenhoehle Blaubeuren Schmuckanhaenger Tafel17Foto: Thilo Parg · CC BY-SA 3.0

Forschungsgeschichte

Erste Sondierungen durch Robert Rudolf Schmidt (1906), Peter Goessler (1911) und Albert Kley (1951) blieben wenig ergiebig. Systematisch ergraben wurde die Brillenhöhle erst unter Leitung des Tübinger Prähistorikers Gustav Riek: In elf Grabungskampagnen von September 1955 bis Oktober 1963 legte er elf Profile frei.

Riek unterschied insgesamt XXII Schichten, aus denen Stein- und Knochenwerkzeuge, Elfenbeinschmuck, menschliche Skelettreste und keramische Scherben geborgen wurden. Anfang der 1990er Jahre wies die Tübinger Archäologin Anne Scheer nach, dass die Brillenhöhle, der Hohle Fels und das Geißenklösterle im Gravettien zeitgleich besiedelt waren: Silexartefakte aus den jeweiligen Gravettienhorizonten aller drei Fundstellen lassen sich passend aneinanderlegen.

Funde aus dem Aurignacien

In der bis zu 0,85 Meter mächtigen Schicht XIV, dem ältesten belegten Horizont, fanden sich lediglich zwei gebrochene Knochenspitzen; bei einer davon handelt es sich möglicherweise um eine Spitze mit gespaltener Basis. Da weder weitere Werkzeuge noch Feuerstellen nachweisbar sind, war die Höhle zu dieser Zeit offenbar kein dauerhafter Aufenthaltsort von Menschen.

Die Speerspitzen könnten durch einen bejagten oder verendenden Höhlenbären in die Höhle gelangt sein, da in unmittelbarer Fundumgebung zahlreiche Knochen dieser Tierart aufgefunden wurden.

Brillenhöhle
Brillenhoehle Blaubeuren Geschossspitze Tafel13 Pos11Foto: Thilo Parg · CC BY-SA 3.0

Funde aus dem Gravettien

Schicht VII enthielt das reichhaltigste Inventar der gesamten Grabung. Neben mehr als 1000 Steinwerkzeugen – darunter Klingen, Schaber, Stichel und Schlagsteine – kamen 52 Werkzeuge aus Tierknochen, Rengeweih und Mammut-Elfenbein zutage. Als Rohmaterial für die Steinwerkzeuge wurden zu 90 Prozent Hornsteinknollen verwendet; der Rest besteht aus Jaspis oder Radiolarit, alle drei Materialien in verschiedenen Farbtönen.

Mehr als 80 Artefakte wurden als Schmuckstücke angesprochen: tropfenförmige Elfenbeinanhänger, Perlen aus Röhrenknochen, durchlochte Tierzähne und gekerfte Knochenstäbchen. Besonderes Gewicht haben die freigelegten Reste zweier Trockenmauern – sogenannte Steingehäuse –, die als Fundament für Überdachungen aus Tierhäuten dienten und so den beheizbaren Raumbereich in der Höhle verkleinerten.

Funde aus dem Magdalénien

Die Schichten IV bis VI lieferten 57 Knochenwerkzeuge, darunter Speerspitzen, ein- und zweireihige Harpunen, Knochennadeln, einen Trommelschlägel und einen kurzen Lochstab. Dazu kamen über 1100 bestimmte und analysierte lithische Werkzeuge.

In Schicht IV wurden auf einer Fläche von 4 m² annähernd fünfzig menschliche Skelettreste gefunden, die mindestens vier Individuen zuzuordnen sind. Darunter befinden sich eine nahezu vollständig erhaltene linke Unterkieferhälfte eines acht- bis zehnjährigen Kindes, Rippenstücke, Zähne, Hand- und Fußphalangen, Teile von Schulterblättern sowie vierzehn Schädelfragmente, aus denen das Stirnbein eines etwa 40 bis 60 Jahre alten Mannes rekonstruiert werden konnte.

Viele dieser Knochen wiesen scharfkantige Bruchflächen und deutliche Schnittspuren auf und waren durch Lagerung in Ascheschichten dunkel verfärbt. Ausgräber Riek zog daraus Parallelen zu den Krapinafunden und schloss Kannibalismus nicht aus. Die heutige Forschung deutet den Befund hingegen als Sekundärbestattung.

Im nördlichen und westlichen Randbereich der Halle wurden vier etwa 30 cm hohe Steinquader als Sitzgelegenheiten identifiziert. Um diese sogenannten Klingenschlägerplätze herum war das Sediment durch häufiges Auftreten stark verdichtet und mit Silex- und Hornstein-Absplissen sowie Kernstücken übersät; jeder dieser Plätze verfügte über eine kleine Feuerstelle und mehrere Steinambosse. Ihre Lage nahe dem nördlichen Deckendurchbruch sorgte für ausreichend Licht bei der Werkzeugherstellung.

Brillenhöhle
Brillenhoehle Blaubeuren Schmuckanhaenger Tafel16Foto: Thilo Parg · CC BY-SA 3.0

Jüngere Kulturhorizonte: Neolithikum und Bronzezeit

In den stark durchmischten oberen Schichten I und II konnten jungsteinzeitliche sowie früh- und spätbronzezeitliche Keramikfunde nachgewiesen werden. Vertreten sind Gefäß- und Wandscherben der Rössener Kultur, der Stichbandkeramik und der Urnenfelderkultur.

Besuch und Schutz

Die Brillenhöhle ist über einen teilweise befestigten Wanderweg erreichbar. Da noch nicht alle Bereiche der Höhle archäologisch untersucht sind, ist der Eingang zum Schutz vor Raubgräbern und Vandalismus vergittert.

Aktuelle Informationen zur Zugänglichkeit sind über die zuständigen Behörden des Alb-Donau-Kreises oder einschlägige touristische Stellen einzuholen.

Häufige Fragen

Warum heißt die Höhle Brillenhöhle?

Die beiden Deckenöffnungen – ein kreisrundes Fenster mit 2,5 m Durchmesser und ein ovales mit 3,4 × 2,4 m – entstanden beim Teileinsturz der Höhle vor rund 30.000 Jahren. Zusammen erinnern sie an ein Brillenglas-Paar, woraus der Name abgeleitet wurde. Ältere Bezeichnungen wie Zwickerhöhle meinen dasselbe Bild.

Wann wurde die Brillenhöhle wissenschaftlich ausgegraben?

Die systematischen Ausgrabungen fanden von September 1955 bis Oktober 1963 statt und wurden vom Tübinger Prähistoriker Gustav Riek geleitet. Zuvor gab es bereits kleinere, wenig ergiebige Sondierungen durch Schmidt (1906), Goessler (1911) und Kley (1951).

Welche Zeitabschnitte sind in der Brillenhöhle belegt?

Nachgewiesen sind Artefakte aus dem Aurignacien, Gravettien und Magdalénien sowie jungsteinzeitliche und bronzezeitliche Keramik (Rössener Kultur, Stichbandkeramik, Urnenfelderkultur). Die Hauptbesiedlung fällt ins Gravettien und Magdalénien.

Was wurde in der Höhle aus dem Gravettien gefunden?

Schicht VII lieferte über 1000 Steinwerkzeuge, 52 Gerätschaften aus Knochen, Rengeweih und Elfenbein sowie mehr als 80 Schmuckobjekte. Außerdem kamen Reste zweier Trockenmauern zutage, die als Fundament für Tierhaut-Überdachungen dienten.

Was hat es mit den menschlichen Skelettresten in der Brillenhöhle auf sich?

In Schicht IV des Magdalénien-Horizonts wurden auf 4 m² fast fünfzig menschliche Knochen von mindestens vier Individuen freigelegt. Die Schnittspuren und Verfärbungen ließen den Ausgräber Riek zunächst an Kannibalismus denken; heute geht die Forschung von einer Sekundärbestattung aus.

Wie hängt die Brillenhöhle mit dem Hohlen Fels und dem Geißenklösterle zusammen?

Anne Scheer wies Anfang der 1990er Jahre nach, dass alle drei Höhlen im Gravettien gleichzeitig besiedelt waren. Silexartefakte aus den Gravettienschichten der verschiedenen Fundstellen lassen sich passend zusammenfügen, was auf Kontakte oder Bewegungen zwischen den Lagerplätzen hindeutet.

Kann die Brillenhöhle besichtigt werden?

Der Höhleneingang ist wegen noch ausstehender Grabungsbereiche und zum Schutz vor Raubgräbern durch ein Gitter gesichert. Die Höhle ist über einen teilweise befestigten Wanderweg erreichbar; für aktuelle Informationen zur Zugänglichkeit sollten die zuständigen Stellen im Alb-Donau-Kreis kontaktiert werden.

Welche Schmuckfunde kamen aus der Brillenhöhle?

Im Gravettien-Horizont (Schicht VII) wurden mehr als 80 Schmuckobjekte geborgen: tropfenförmige Anhänger aus Elfenbein, Perlen aus Röhrenknochen, durchlochte Tierzähne und gekerfte Knochenstäbchen. Sie zählen zu den charakteristischen Artefakten des Gravettiens in Südwestdeutschland.

Quellen

  1. Wikipedia: Brillenhöhle — Faktengrundlage dieses Eintrags