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Drachenloch (Vättis)

Das Drachenloch ist eine Karsthöhle in der Gipfelwand des Drachenbergs oberhalb von Vättis, Gemeinde Pfäfers, Kanton St. Gallen. Mit einer Lage auf 2427 m ü. M. gilt sie als die höchstgelegene prähistorische Fundstätte Europas.

Bei systematischen Ausgrabungen zwischen 1917 und 1923 wurden 52 Schädel sowie zahlreiche Knochen und Zähne von Höhlenbären geborgen. Daneben fanden sich Feuerstellen und Werkzeuge, die auf eine Besiedlung durch Neandertaler während des Moustérien vor mehr als 50 000 Jahren hindeuten.

Redaktion ANTIBERGStand: 14. Oktober 2026
Drachenloch (Vättis)
Drachenloch Höhlenbär1Foto: Adrian Michael · CC BY-SA 3.0
LageGipfelwand des Drachenbergs, Gemeinde Pfäfers, Kanton St. Gallen, Schweiz
Höhe2427 m ü. M.
Höhendifferenz zum Dorf Vättis1479 Höhenmeter
HöhlentypKarsthöhle, Kluftanlage in Malm- und Kreidekalk
KammernDrei hintereinanderliegende Hallen
Länge erste Halleca. 27 m, bis 7 m hoch, bis 4 m breit
Entdeckung für die Wissenschaft7. Juli 1917 durch Theophil Nigg
Grabungszeitraum1917–1923, insgesamt 201 Grabungstage
BedeutungHöchstgelegene prähistorische Fundstätte Europas
Epoche der FundeAltsteinzeit (Moustérien), vor mehr als 50 000 Jahren

Lage und Zugang

Die Höhle befindet sich in der Gipfelwand des Drachenbergs, eines der beiden markanten turmartigen Gipfel nordwestlich von Vättis. Der Eingang liegt 1479 Höhenmeter über dem Dorf.

Zum Höhleneingang führen zwei Wege. Der direkte Aufstieg beginnt in Vättis und führt zunächst durch Wald, dann über Alpwiesen zur Gelbberghütte und von dort steil zum Portal. Alternativ überbrückt eine Seilbahn die untersten 650 Höhenmeter bis auf den Vättnerberg; von dort quert man das Radeintobel und folgt einem kaum markierten Weg über die steile Südostflanke des Vättnerchopfs. Für diesen Weg sind ab Bergstation rund vier Stunden einzuplanen.

Der Eingang ist ein fünf Meter hohes Portal; kurz davor ist linkerhand ein Seil angebracht. Die Höhle selbst ist gut begehbar.

Geologie und Entstehung

Drachenberg und Vättnerkopf bestehen aus Malm- und Kreideschichten und sind Überreste der Glarner Hauptüberschiebung. Dabei wurde eine mächtige Kalkdecke vom Calfeisental aus rund 40 Kilometer nach Norden über jüngeres Gestein geschoben.

Die nachfolgende Einschneidung der Tamina zerstückelte diese sogenannte Drachenbergüberschiebung so gründlich, dass heute nur noch isolierte Kalkblöcke auf der Flyschdecke aufsitzen. Der enorme Druck während der Überschiebung erzeugte im Kalk zahlreiche Risse und Klüfte.

Sickerwasser und chemische wie mechanische Verwitterung weiteten diese Klüfte im Lauf der Zeit zu einem dreiteiligen Höhlensystem aus.

Drachenloch (Vättis)
Drachenloch Ausblick2Foto: Own work · CC BY-SA 4.0

Aufbau der Höhle

Das Höhlensystem besteht aus drei gerade hintereinander angeordneten Kammern. Allen drei gemeinsam ist eine Grundform, die am Eingang weit und hoch ist und sich nach hinten hin symmetrisch verengt.

Die erste Halle misst rund 27 Meter in der Länge, ist bis 7 Meter hoch und bis 4 Meter breit; ihr Boden steigt leicht an. Rechts zweigt ein kleinerer kuppelartiger Seitenraum ab. Eine etwa 5 Meter lange Verengung führt in die zweite Halle, einen nahezu kreisförmigen Raum mit ungefähr 5 Metern Durchmesser. Dieser trockenste Bereich des Systems diente den einstigen Bewohnern als Wohnraum und lieferte die ersten Funde.

Die hinterste Kammer, durch einen rund 2 Meter langen Durchgang erreichbar, ist etwa 17 Meter lang und hat eine flache, niedrige Decke. Am Ende schließt sich über einen engen schlauchartigen Durchschlupf ein 3 bis 4 Meter hoher, tiefer liegender Raum an, der das Höhlensystem abschließt.

Wie wurde die Höhle entdeckt?

Der Vättner Lehrer Theophil Nigg (1880–1957) ließ sich durch einen Vortrag des St. Galler Naturwissenschaftlers Emil Bächler über dessen Forschungen in der Wildkirchlihöhle zu eigenen Nachforschungen anregen. Am 7. Juli 1917 stieg er gemeinsam mit seinen Söhnen Toni und Theo sowie dem Schafhirten Leo Bonderer mit Spaten, Sack und Karbidlampe zur Höhle auf.

Bereits beim ersten Besuch stieß Nigg auf einen gut erhaltenen Bärenzahn und in etwa 50 Zentimetern Tiefe auf Knochenstücke. Noch am selben Abend schickte er die Funde an Bächler nach St. Gallen. Dieser erkannte den wissenschaftlichen Wert sofort und riet Nigg, die Entdeckung zunächst geheim zu halten, um Raubgrabungen zu verhindern.

Drachenloch (Vättis)
Drachenloch Pläne 1921Foto: Emil Bächler · Public domain

Ausgrabungen 1917–1923

Von 1917 bis 1923 wurde in den Sommermonaten an insgesamt 201 Tagen gegraben. Nigg arbeitete dabei mit den Gehilfen Abraham Bonderer und Hermann Kressig; Emil Bächler begleitete die Grabungen wissenschaftlich und war selbst an 34 Tagen vor Ort tätig.

Der Boden der ersten Halle war von einer mehrere Meter starken Schuttschicht bedeckt, zahlreiche herabgefallene Deckenplatten erschwerten die Arbeiten. In der zweiten Halle, dem trockensten Bereich, lagen die ergiebigsten Fundschichten.

Dass die Höhle schon lange vor den wissenschaftlichen Grabungen betreten worden war, belegt eine in der dritten Kammer eingeritzte Jahreszahl: 1766.

Welche Funde wurden gemacht?

Insgesamt wurden 52 Schädel sowie zahlreiche Knochen und Zähne von Höhlenbären geborgen, einer Bärenart, die noch vor Ende der letzten Eiszeit ausstarb. Die Tierknochen bildeten den mengenmäßigen Schwerpunkt der Funde.

Menschliche Skelettreste wurden nicht entdeckt. Als Belege möglicher menschlicher Anwesenheit gelten Feuerstellen und Werkzeuge, die dem Moustérien zugeordnet werden und auf Neandertaler als Nutzer der Höhle vor mehr als 50 000 Jahren hindeuten.

Drachenloch (Vättis)
Drachenloch LageFoto: User:Vaettis · CC BY-SA 3.0

Herkunft des Namens

Die Namensdeutung ist nicht abschließend geklärt. Eine lokale Sage führt den Namen auf einen Drachen zurück, der der Überlieferung nach einst in der Höhle gehaust haben soll; das Tier erscheint auch im Wappen von Vättis.

Sprachgeschichtlich wird ein romanischer oder noch älterer Ursprung für wahrscheinlicher gehalten. Das romanische Wort drag bzw. dragun bedeutet sowohl Drache als auch Wildbach, was einen Bezug zum nahen Bach im Chrüzbachtobel ermöglichen würde. Ältere Quellen bezeichnen die Höhle als Draggaloch, und der Lehrer Friedrich Wilhelm Sprecher (1871–1943) deutete diesen Namen als »feuchtes oder nasses Loch«. In alten Urkunden, Karten und Literatur tauchen die Bezeichnungen Drachenloch oder Drachenberg nicht auf; der heutige Name scheint neueren Datums zu sein.

Häufige Fragen

Warum gilt das Drachenloch als besonders bedeutsam?

Es handelt sich um die höchstgelegene prähistorische Fundstätte Europas auf 2427 m ü. M. Feuerstellen und Werkzeuge aus dem Moustérien deuten darauf hin, dass Neandertaler die Höhle vor mehr als 50 000 Jahren nutzten.

Wie lange dauert der Aufstieg zum Drachenloch?

Wird die Seilbahn bis auf den Vättnerberg genutzt, beträgt die Gehzeit ab Bergstation rund vier Stunden. Beim vollständigen Aufstieg zu Fuß ab Vättis liegt die Höhendifferenz bei 1479 Metern.

Ist die Höhle schwierig zu begehen?

Die Höhle selbst gilt als gut begehbar. Kurz vor dem fünf Meter hohen Eingangsportal ist linkerhand ein Seil angebracht. Lediglich der letzte Abschnitt zur hintersten Kammer erfordert das Durchkriechen eines engen, schlauchartigen Durchschlupfs.

Wer hat das Drachenloch wissenschaftlich erschlossen?

Der Vättner Lehrer Theophil Nigg stieg am 7. Juli 1917 erstmals mit dem Ziel prähistorischer Funde in die Höhle. Der St. Galler Naturwissenschaftler Emil Bächler übernahm die wissenschaftliche Begleitung und war an 34 der insgesamt 201 Grabungstage persönlich anwesend.

Welche Tiere wurden im Drachenloch nachgewiesen?

Aus den Grabungen stammen 52 Schädel sowie zahlreiche weitere Knochen und Zähne von Höhlenbären, einer Bärenart, die vor dem Ende der letzten Eiszeit ausstarb. Menschliche Skelettreste wurden keine gefunden.

Wie ist die Höhle geologisch entstanden?

Der Drachenberg besteht aus Malm- und Kreidekalk, der im Zuge der Glarner Hauptüberschiebung rund 40 Kilometer nach Norden transportiert wurde. Der dabei entstandene Kluftdruck legte die Grundlage für das Höhlensystem; Sickerwasser und Verwitterung weiteten die Spalten im Lauf der Zeit zu den heutigen drei Kammern aus.

Woher stammt der Name Drachenloch?

Eine Sage nennt einen sagenhaften Drachen als Namensgeber; das Tier steht auch im Wappen von Vättis. Sprachwissenschaftlich wird ein romanischer Ursprung vom Wort drag oder dragun vermutet, das sowohl Drache als auch Wildbach bedeuten kann. In älteren Quellen heißt die Höhle Draggaloch, und der heutige Name Drachenloch scheint vergleichsweise jung zu sein.

Quellen

  1. Wikipedia: Drachenloch (Vättis) — Faktengrundlage dieses Eintrags