ANTIBERG › Welterbe › Löwenmensch
Welterbe

Löwenmensch

Der Löwenmensch vom Hohlenstein-Stadel ist eine 31,1 cm große Skulptur aus Mammut-Elfenbein, die einen menschlichen Körper mit dem Kopf und den Gliedmaßen eines Höhlenlöwen vereint. Sie stammt aus dem Aurignacien, einer jungpaläolithischen Kultur, und wurde in einer Karsthöhle des Hohlensteins bei Asselfingen auf der Schwäbischen Alb im Lonetal gefunden. Radiometrische Datierungen ergaben ein Alter von 35.000 bis 41.000 Jahren.

Das Objekt gilt als ältestes bekanntes Kunstwerk, das möglicherweise ein Fabelwesen zeigt, und gehört zu den bedeutendsten Kleinkunstwerken der Menschheitsgeschichte. Es ist heute im Museum Ulm ausgestellt und Teil des UNESCO-Welterbes »Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb«.

Redaktion ANTIBERGStand: 14. Oktober 2026
Löwenmensch
Loewenmensch2Foto: Thilo Parg · CC BY-SA 4.0
FundortHohlenstein-Stadel, bei Asselfingen, Schwäbische Alb (Lonetal)
MaterialMammut-Elfenbein
Höhe31,1 cm (nach Rekonstruktion 2013)
Alter35.000 bis 41.000 Jahre
KulturzugehörigkeitAurignacien (Jungpaläolithikum)
Erstentdeckung25. August 1939, Otto Völzing; Grabungsleitung Robert Wetzel
Erstidentifikation als MischwesenJoachim Hahn, Dezember 1969
Letzte vollständige Rekonstruktion2013, unter Leitung von Nicole Ebinger-Rist
AufbewahrungsortMuseum Ulm
SchutzstatusUNESCO-Welterbe (Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb)

Beschreibung der Skulptur

Die Figur zeigt einen aufrecht stehenden Körper mit menschlicher Grundform, dem Kopf einer Raubkatze – wahrscheinlich eines Höhlenlöwen – sowie tierischen Gliedmaßen. Der Hals ist auffällig verlängert. Das tief eingekerbte Maul und die klaren Gesichtszüge der Raubkatze traten erst durch Nachfunde zur Schnauze bei der Rekonstruktion 1987–1988 deutlich hervor.

Auf dem linken Oberarm befinden sich sieben waagerechte parallele Kerben, die als Hinweise auf Tätowierungen oder Ziernarben gedeutet werden. Das linke Ohr weist mehr als ein Dutzend quer verlaufende feine Ritzungen auf, und auch die linke Fußsohle scheint mit Linien verziert zu sein.

Ein dreieckiges Blättchen vor dem Schritt der Figur ist allseitig beschnitzt und vom Schambereich deutlich abgesetzt. Die Ausgräber schlossen daraus, dass es sich um eine männliche Darstellung handelt.

Fundgeschichte

Am 25. August 1939 barg der Prähistoriker Otto Völzing im Rahmen einer von dem Tübinger Anatom Robert Wetzel geleiteten Grabung im Hohlenstein-Stadel mehr als 260 Elfenbeinsplitter. Die Grabung wurde wenige Tage später mit Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 vorzeitig abgebrochen; der Aushub verblieb in der Höhle.

Im Dezember 1969 erkannte der Prähistoriker Joachim Hahn beim Zusammensetzen von rund 200 der Splitter, dass das Objekt ein Mischwesen aus Mensch und Großkatze darstellt. Weitere Bruchstücke wurden 1974 und 1975 von Spaziergängern in der Höhle sowie bei der Auflösung des Arbeitszimmers von Robert Wetzel an der Universität Tübingen gefunden.

2009 entdeckte das Landesamt für Denkmalpflege unter Claus-Joachim Kind die ursprüngliche Fundstelle erneut. Von 2010 bis 2012 wurden aus dem Schutt der Grabung von 1939 weitere Teile vom Nacken und Rücken der Figur geborgen.

Rekonstruktion

Von 1987 bis 1988 wurden in der Restaurierungswerkstatt des Württembergischen Landesmuseums unter Anleitung der Paläontologin Elisabeth Schmid alle verfügbaren Teile neu zusammengesetzt. Dabei konnten ein Stück des linken Fußes sowie ein Teil der bis dahin fehlenden Schnauze mit dem Maul hinzugefügt werden. Die Arbeit dauerte rund sechs Monate.

Für die abschließende Rekonstruktion 2013 wurden zunächst alle Teile auseinandergelegt. Zuvor war die Figur mittels Röntgen-Computertomographie digitalisiert und virtuell zerlegt und neu zusammengesetzt worden. Unter Leitung von Nicole Ebinger-Rist konnten rund 80 neu gefundene Teile eingefügt werden. Die Gesamthöhe der Figur stieg dadurch von 29,6 cm auf 31,1 cm.

Benennung und Geschlechtsdebatte

Joachim Hahn sah in der Figur eine männliche Darstellung, während die Basler Paläontologin Elisabeth Schmid sie als weiblich deutete. Kurt Wehrberger, Leiter der Archäologischen Abteilung im Museum Ulm, löste diese Debatte 1987 durch die geschlechtsneutrale Bezeichnung »Löwenmensch«.

Die Rekonstruktion von 2013 lieferte durch das Blättchen im Schambereich ein Indiz, das die Ausgräber als Hinweis auf ein männliches Geschlecht werteten. Eine abschließende Klärung gilt dennoch als schwierig.

Fundkontext und mögliche Bedeutung

Die Figur lag nicht im Siedlungsbereich der Höhle, sondern in einer abgelegenen Kammer. Dort fanden sich Anhänger aus Elfenbein sowie durchbohrte Zähne von Rothirsch, Fuchs und Wolf. Steinwerkzeuge und sonstige Alltagsspuren fehlten weitgehend. Dieser Kontext lässt rituell genutzte Räumlichkeiten vermuten.

Als ältestes bekanntes Kunstwerk mit möglicherweise fantastischer Darstellung wirft der Löwenmensch grundlegende Fragen über die geistige Welt eiszeitlicher Menschen auf. Denkbar ist die Darstellung eines Schamanen, der im Rahmen eines Rituals das Fell eines Löwen mit Kopf und Hinterläufen trägt.

Einordnung in die Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb

Im Jahr 2004 wurde im Hohlen Fels bei Schelklingen im Achtal ein etwa 2,5 cm hohes Figürchen entdeckt, das als möglicher »kleiner Bruder« des Löwenmenschen gilt und ebenfalls Mensch-Großkatze-Züge aufweist. Auch der Adorant vom Geißenklösterle wird als mögliches Mensch-Tier-Mischwesen diskutiert.

In vier Höhlen der Schwäbischen Alb – Hohlenstein-Stadel und Vogelherdhöhle im Lonetal sowie Geißenklösterle und Hohler Fels bei Schelklingen – wurden Elfenbeinstatuetten gefunden, die dem gleichen Abschnitt des Aurignaciens zuzuordnen sind. Die unkalibrierte 14C-Datierung legt ein Entstehungsfenster von nur ein- bis zweitausend Jahren nahe, in dem eine spezifische eiszeitliche Kunstform ausgeprägt war.

Zusammen bilden diese Fundstätten den Kern des UNESCO-Welterbes »Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb«, zu dem auch der Hohlenstein-Stadel gehört.

Häufige Fragen

Wo wird der Löwenmensch aufbewahrt?

Der Löwenmensch ist im Museum Ulm ausgestellt. Aktuelle Informationen zu Öffnungszeiten und Zugang sind auf der Website des Museums erhältlich.

Wie alt ist der Löwenmensch?

Datierungen von Knochen aus unmittelbarer Nähe des Fundorts ergaben ein Alter von 35.000 bis 41.000 Jahren. Damit gehört er zu den ältesten bekannten Kleinkunstwerken der Menschheit.

Woraus besteht der Löwenmensch?

Die Skulptur wurde aus Mammut-Elfenbein gearbeitet und ist 31,1 cm hoch. Diese Maße ergaben sich nach der letzten umfassenden Rekonstruktion im Jahr 2013.

Wer hat den Löwenmenschen entdeckt?

Otto Völzing barg die Bruchstücke am 25. August 1939 bei einer Grabung unter Leitung des Tübinger Anatoms Robert Wetzel im Hohlenstein-Stadel. Die eigentliche Identifikation als Mischwesen aus Mensch und Großkatze gelang erst im Dezember 1969 durch den Prähistoriker Joachim Hahn.

Warum heißt die Figur »Löwenmensch« und nicht »Löwenfrau« oder »Löwenmann«?

Kurt Wehrberger vom Museum Ulm prägte 1987 den geschlechtsneutralen Begriff, um die damals offene Frage nach dem Geschlecht der dargestellten Figur nicht vorwegzunehmen. Die Rekonstruktion von 2013 lieferte zwar ein Indiz für ein männliches Geschlecht, doch der Name »Löwenmensch« blieb in Verwendung.

Was bedeutet der Löwenmensch für die Erforschung früher Religion oder Rituale?

Der Fundkontext in einer abgelegenen Kammer ohne Alltagsspuren, zusammen mit Elfenbeinanhängern und durchbohrten Tierzähnen, deutet auf rituelle Nutzung hin. Manche Forscher sehen in der Figur die Darstellung eines Schamanen, der ein Löwenfell trägt; andere halten sie für das Abbild eines Fabelwesens – beide Deutungen bleiben Hypothesen.

Gibt es weitere ähnliche Figuren aus derselben Zeit?

Im Hohlen Fels bei Schelklingen wurde 2004 ein etwa 2,5 cm hohes Figürchen mit möglichen Mensch-Großkatze-Zügen gefunden. Auch der Adorant vom Geißenklösterle wird als Tier-Mensch-Mischwesen diskutiert. Alle diese Figuren entstammen demselben engen zeitlichen und kulturellen Rahmen des Aurignaciens auf der Schwäbischen Alb.

Wo genau wurde der Löwenmensch gefunden?

Der Fundort ist der Stadel, eine der drei Karsthöhlen des Hohlensteins bei Asselfingen auf der Schwäbischen Alb im Lonetal. Die Höhle gehört zum UNESCO-Welterbe »Höhlen und Eiszeitkunst der Schwäbischen Alb«.

Quellen

  1. Wikipedia: Löwenmensch — Faktengrundlage dieses Eintrags