Venus vom Hohlefels
Die Venus vom Hohlefels ist eine aus Mammut-Elfenbein geschnitzte Venusfigurine aus der jungpaläolithischen Kultur des Aurignacien. Sie wurde im September 2008 bei Ausgrabungen in der Karsthöhle Hohle Fels am Südfuß der Schwäbischen Alb bei Schelklingen entdeckt und gehört zu den ältesten bekannten Darstellungen des menschlichen Körpers weltweit.
Die Figur ist 59,7 Millimeter hoch, wiegt 33,3 Gramm und ist nahezu vollständig erhalten. Radiokarbondatierungen ergeben ein kalibriertes Kalenderalter von 35.000 bis 40.000 Jahren, womit sie mindestens 6.000 Jahre älter ist als die bekannten Venusfigurinen des Gravettiens.

| Fundort | Karsthöhle Hohle Fels bei Schelklingen, Schwäbische Alb, Baden-Württemberg |
| Fundjahr | September 2008 |
| Material | Mammut-Elfenbein |
| Maße | 59,7 mm hoch, 34,6 mm breit, 31,3 mm dick |
| Gewicht | 33,3 Gramm |
| Alter (kalibriert) | 35.000–40.000 Jahre (Aurignacien) |
| 14C-Datierung | 31.140 bis 34.720 BP (Oxford Radiocarbon Accelerator) |
| Fundtiefe | ca. 3 Meter unter der heutigen Höhlenbodenoberfläche |
| Ausgrabungsleitung | Nicholas Conard, Universität Tübingen |
| Dauerausstellung | Urgeschichtliches Museum Blaubeuren (seit 2014) |
Beschreibung der Figurine
Die Figur ist nahezu vollständig erhalten; es fehlen lediglich der linke Arm mit Schulter sowie Teile der linken Gesäßhälfte und Hüfte. Anstelle eines Kopfes wurde eine quer durchlochte Öse herausgearbeitet, was darauf hindeutet, dass das Stück als Anhänger getragen wurde.
Politurspuren in der Öse belegen die tatsächliche Aufhängung, vermutlich an einem Lederriemen. Für ähnliche Objekte der etwas jüngeren Kulturstufe des Pavlovien ist auch die Verwendung von Pflanzenfaserschnüren belegt.
Auffällig sind die überdimensionierten Brüste, ein betontes Gesäß und ein deutlich hervorgehobener Genitalbereich. Die Furche zwischen den Gesäßhälften zieht sich ohne Unterbrechung bis zur Vorderseite durch, wo die Großen Schamlippen zwischen den leicht gespreizten Beinen ausgearbeitet sind. Ausgräber Nicholas Conard beschreibt dies als »bewusste Überhöhung der sexuellen Merkmale«.
Die kurzen Arme enden in sorgfältig geschnitzten Händen, die unterhalb der Brüste auf dem Bauch liegen. Zusätzlich trägt die Figur ein komplexes Muster aus Ritzlinien und Kerben, das unter den Elfenbeinfiguren der Schwäbischen Alb einzigartig ist. Spuren einer früheren Einfärbung fehlen vollständig.
Fundgeschichte und Ausgrabung
Archäologen der Universität Tübingen führen im Hohle Fels seit 1977 jährliche Ausgrabungen im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege Baden-Württemberg durch, seit 1997 unter Leitung von Nicholas Conard.
Im September 2008 bargen Mitarbeiter insgesamt sechs bearbeitete Elfenbeinstücke aus einer Grabungsfläche, die etwa 20 Meter vom Höhleneingang entfernt liegt. Die Fragmente lagen eng beieinander auf einer Fläche von rund einem Viertelquadratmeter mit einer Höhendifferenz von etwa 10 Zentimetern, in den Schichten Va und Vb, die sich etwa drei Meter unter der heutigen Höhlenbodenoberfläche befinden.
Nach Restaurierung und Zusammensetzung der Einzelteile wurde die Figur am 13. Mai 2009 der Presse vorgestellt. Am folgenden Tag erschien die wissenschaftliche Erstbeschreibung im Fachmagazin Nature.
Datierung
Die Schichten Va und Vb des Hohle Fels wurden mit der AMS-Methode im Oxford Radiocarbon Accelerator datiert. Die Einzelmessungen für die sechs Fragmente lagen zwischen 31.140 ± 310 BP und 34.720 ± 280 BP; ein weiterer Wert von 40.000 ± 500 BP wird als Ausreißer gewertet.
Eines der Fragmente stammte aus Schicht Va (Basis), die übrigen fünf aus der darunter liegenden Schicht Vb. Kalibriert ergibt die jüngere Datengruppe ein Minimalalter von 35.000 Jahren vor heute, die Gesamtspanne reicht bis rund 40.000 Kalenderjahre.
Damit ist die Venus vom Hohlefels mindestens 6.000 Jahre älter als die meist ebenfalls dickleibigen Venusfigurinen des Gravettiens. Zwei noch ältere Funde, die Venus von Berekhat Ram (Israel) und die Venus von Tan-Tan (Marokko), werden von der Mehrheit der Archäologen als natürliche oder nur oberflächlich bearbeitete Geofakte eingestuft.
Einordnung in die Kleinkunst der Schwäbischen Alb
Die vier jüngeren AMS-Daten um 32.000 BP entsprechen zeitlich der bekannten Elfenbein-Kleinkunst aus anderen Höhlen der Schwäbischen Alb: den Figuren vom Vogelherd, den Funden aus dem Geißenklösterle und dem Löwenmenschen vom Hohlenstein-Stadel.
Andere Kleinkunstwerke aus dem Hohle Fels selbst – darunter ein Wasservogel – stammen aus der darüber liegenden, jüngeren Schicht IV. Die zeitliche Differenz ihrer Einlagerung im Sediment ist möglicherweise gering, sodass eine nahezu gleichzeitige Herstellung mehrerer Stücke denkbar ist.
Neben der Venus vom Hohlefels gilt die Venus vom Galgenberg (Österreich) als weitere der ältesten menschlichen Körperdarstellungen weltweit.
Ausstellungsgeschichte
Erstmals öffentlich gezeigt wurde das Original 2009 in der Landesausstellung Baden-Württemberg »Eiszeit – Kunst und Kultur« im Kunstgebäude Stuttgart. 2010 war die Figur im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren zu sehen.
Ab 2012 war sie zeitweise in der neu gestalteten Dauerausstellung des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart präsent. Seit 2014 ist sie fester Bestandteil der Dauerausstellung im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren.
Vom 21. September 2018 bis 6. Januar 2019 wurde die Venus vom Hohlefels im Martin-Gropius-Bau in Berlin in der Ausstellung »Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland« gezeigt, die anlässlich des Europäischen Kulturerbejahres 2018 stattfand.
Häufige Fragen
Wo kann man die Venus vom Hohlefels besichtigen?
Seit 2014 ist die Figur Bestandteil der Dauerausstellung im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren. Zeitweise war sie auch im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart zu sehen. Aktuelle Ausstellungsinformationen bietet das Urgeschichtliche Museum Blaubeuren auf seiner Website.
Wie alt ist die Venus vom Hohlefels?
Radiokarbondatierungen ergeben ein kalibriertes Kalenderalter von 35.000 bis 40.000 Jahren. Die Messungen wurden im Oxford Radiocarbon Accelerator durchgeführt und beziehen sich auf die Aurignacien-Schichten Va und Vb des Hohle Fels.
Aus welchem Material besteht die Figurine?
Die Figur wurde aus Mammut-Elfenbein geschnitzt. Sie ist 59,7 Millimeter hoch, 34,6 Millimeter breit, 31,3 Millimeter dick und wiegt 33,3 Gramm.
Warum fehlt der Kopf der Figur?
Statt eines Kopfes wurde eine quer durchlochte Öse herausgearbeitet. Politurspuren in der Öse belegen, dass die Figurine als Anhänger getragen wurde, wahrscheinlich an einem Lederriemen.
Wer hat die Venus vom Hohlefels entdeckt?
Die Figur wurde im September 2008 von Mitarbeitern der Ausgrabung der Universität Tübingen geborgen, die seit 1997 unter Leitung von Nicholas Conard im Hohle Fels stattfindet. Die wissenschaftliche Erstpublikation erschien am 14. Mai 2009 in Nature.
Ist die Venus vom Hohlefels die älteste Venusfigurine der Welt?
Sie gilt als eine der ältesten sicheren Darstellungen des menschlichen Körpers. Sie ist mindestens 6.000 Jahre älter als die Venusfigurinen des Gravettiens. Zwei formal ältere Funde – die Venus von Berekhat Ram und die Venus von Tan-Tan – werden von der Mehrheit der Archäologen als Geofakte eingestuft, also als natürliche oder nur geringfügig bearbeitete Stücke.
In welcher Höhle wurde die Figurine gefunden?
Der Fundort ist die Karsthöhle Hohle Fels am Südfuß der Schwäbischen Alb bei Schelklingen in Baden-Württemberg. Die Fragmente lagen etwa 20 Meter vom Höhleneingang entfernt, rund drei Meter unter der heutigen Höhlenbodenoberfläche.
Quellen
- Wikipedia: Venus vom Hohlefels — Faktengrundlage dieses Eintrags